5. Mit Worten malen oder was Schreiben mit Kunst zu tun hat - PODCAST & Blog

„Yeah, ich kann schreiben.“ Mit diesem Bewusstsein verlassen die meisten Menschen die Schulen der Welt. Dass Schreiben ein Muskel ist, eine Fertigkeit, die, wie eine Turn- oder Eiskunstlaufkür, immer wieder trainiert werden muss, sehen viele nicht. Gerade damit es leicht klingt und gelingt. „Nur“ mal schnell etwas zu schreiben, hat immer mit deinem Hintergrund, deinem Talent und deiner Übung zu tun.

In „Mit Worten malen“, 📢 Elemente-Podcast Folge #5, 👇

erfährst du einiges über diese Muskelspiele und du kannst ein paar Übungen in deinen Schreiballtag aufnehmen. 📝

Ich spreche darüber,

  • was das Schaffen von Texten mit Kunst zu tun hat. Würden sie analog ein Bild, eine Skulptur, eine Plastik oder Installation sein? Ein Gebäude, ein Theaterstück?
  • was es mit dem Spektrum zwischen Schreiben und Kunst und dem „nur“ auf sich hat.
  • was Worte mit Blumen gemeinsam haben.
  • oder was es mit dem neuen Zuhören auf sich hat, das sogar ein neuer Beruf werden könnte.

Kurz und gut: Du willst du aus deinem Wort-Text-Trott herauskommen? Hast du das Gefühl, du willst mehr neuronale Verknüpfungen in Sachen Text, Worte und Sprache? Dann lies gerne weiter.

Im Elemente-Podcast & Blog warte ich mit Allerlei aus dem Wort- und Textalltag auf. Als Journalistin, Autorin und diesmal auch als Kunstschaffende finde ich immer wieder etwas für meinen „Fundus“.

Die Art und die Kunst

Zum Beispiel beginnt dieser Podcast mit „Du bist einzig-ART-ig“. Darin steckt „Art“. Übersetzt aus dem Englischen ist das „Kunst“. Die „Art“ auf Deutsch bedeutet etwa „Gattung, Sorte“ ‘Eigentümlichkeit, Wesen, Gewohnheit, Verhalten, Weise, Abstammung’, griech. árti (ἄρτι) ‘gerade, eben’, lat. artus ‘eng, straff’, artus m. ‘Gelenk, Glied’, ars (Genitiv artis) f. ‘Kunst, Geschicklichkeit’ …

Kunst“ bedeutet die ‘schöpferische und gestalterische Fähigkeit der Gesellschaft, vornehmlich ihrer mit besonderen Begabungen ausgestatteten Vertreter, Überlieferung und Produkte dieser Fähigkeit’ …, dann auch ‘Gemachtes’ im Gegensatz zu Natur (bereits 16. Jh.), … (s. auch „Gunst“) zu dem unter „können“ (s. d.) dargestellten Verb ist althochdeutsch „kunst“ (9. Jh.), mhd. asächs. mnd. kunst, mnl. const von umfassender Bedeutung und bezeichnet zunächst ‘Wissen, Kenntnis’... Kunst steht auch im Sinne von ‘Wissenschaft’….


Was Automechaniker in ihren Garagen basteln

Vielleicht so wie Automechanikern auf einmal die geniale Lösung für ein mechanisches oder elektronisches Problem einfällt. Etwas, das sie nicht in der Lehre lernen. Etwas, das sie sich aufgrund ihrer Erfahrung ersonnen haben. Das ihnen „eingefallen“ ist. Und wer weiß, ganz im Geheimen basteln sie in ihren Garagen – da soll ja schon manches entstanden sein – vielleicht an dem Fahrzeug der Zukunft.

Tata, hier ist er, der neue Raum. Disclaimer: Du wirst nach dieser Folge nicht mehr so über Sprache und Worte denken, wie vorher. Vielleicht fängst du sogar an, Sprache neu zu denken. Deine Beziehung zu Sprache neu zu justieren.


Kunst oder keine Kunst?

Hast du schon mal gehört „Schreiben ist keine Kunst“? Oder, Sätze wie ich sie auch gehört habe „Malen ist keine Kunst. Das kann ich auch.“? Oder: „Das mache ich schnell selbst“. Oder wieder beim Schreiben „Das macht bei uns das Marketing“.

Alles kein Grund zur Freude für Sprachkünstler:innen.


Brotbacken ist aber eine

So könnt ihr es vielleicht auch euren Kund:innen erklären: Ganz einfach mit einem Kinderbuch. Und zwar mit einem aus der Serie um die drei Bärengeschwister Bim, Bam, Bum. Geschrieben von Max Bolliger (1929-2013), illustriert von Vlasta Baránková (*1943).

Es heißt „Bim, Bam, Bum und das Bärenbrot“.

Darin entdecken die drei kleinen Bären, dass Brotbacken sehr wohl eine Kunst ist. Sie haben erfahren, dass sie scheiterten, egal welche andere Methode sie im „Das-kann-ich-auch-Modus“ anwandten. Als Nicht-Fach-Bären wollten sie gutes Brot schnell herstellen. Entweder schmeckte das Brot schlecht oder es lag wie ein Stein im Magen und so weiter. Nach ihren Versuchen kehrten sie reumütig wieder zum ursprünglichen Bäcker zurück und feierten den endlich wieder richtigen Brotgenuss. So geht das vermutlich – nein, wahrscheinlich - nicht nur mit dem Brotbacken. In dem Fall der kleinen Bären ging es auch um die Liebe und Hingabe, die der Bäcker in sein Brot hineingab.

Finden wir uns als Textherstellende da wieder?


Es bleibt künstlerisch, auch bei den Großen

Ein Text entsteht beim Schreiben, beim Überarbeiten, beim Herausarbeiten. Das ging auch einem berühmten Bildhauer mit seinem berühmten Werk so. Michelangelo Buonarroti (1475-1564).

Er sah seinen David in dem riesigen, gut fünf Meter hohen und fast sechs Tonnen schweren Marmorblock, den er von erfolglosen Vorgängern übernahm. Ich vermute er sah sogar bis auf die Haut des nackten Jünglings. Bisher waren alle vorher an dem Klotz gescheitert... Er hatte vermutlich auf ein Genie gewartet und gab sein Inneres nicht vorher zu erkennen. Auch Materialien und Werkstoffe haben ihr Eigenleben.

Michelangelo musste den Körper des David quasi „nur“ aus dem Marmor befreien. Das alles geschah bereits vor 500 Jahren. So steht der David seit dem vor dem Palazzo Vecchio in Firenze. Eigentlich seine Kopie. Das Original wurde aus Verwitterungsgründen ein paar Hundert Jahre später in die Accademia di Firenze verfrachtet.

Michelangelo sah das, was kein anderer vor ihm sehen konnte und war quasi der Befreier des David.


Texte wie Skulpturen, Bilder oder Collagen

Ganz so ist es heute mit der Befreiung deiner Texte. Da ist es manchmal die Frage, ob sie eine Skulptur sind (unter Wegnahme von Material, also behauen) oder ob sie wie eine Plastik oder Installation gefertigt werden. Eine Plastik ist die Neuschaffung einer dreidimensionalen Form aus beliebigem Material. Etwa der „Hellebardier“ von Alexander Calder (1898-1976). Eine Installation dagegen ist aus verschiedenen Teilen zusammengefügt. Das können Einzelkunstwerke sein oder sogar bereits benutzte Objekte. Es entsteht also ein neues Kunstwerk nach dem Prinzip Collage.

Auch so kannst du deine Text-Kunstwerke schaffen. Vielleicht wie die papiernen Merz-Collagen von Kurt Schwitters (1887-1948). Die Silbe „Merz“ fand er übrigens durch Zufall, als er diese vom Wort „Kommerz“ abriss und den Papierschnipsel auf seiner ersten Komposition arrangierte. „Merz“ wurde dann sogar der Oberbegriff für seine dadaistischen Werke.


„Nur“ mit Worten malen

Auch kannst du richtiggehend mit deinen Worten malen. Welche Farbtöne der Worte passen zusammen, welche Menge, welcher Farbkörper. Musst du erst grundieren? Welche Hintergrundfarbe? Trocknet die Farbe schnell wie Acryl und du musst sofort wissen, was du willst? Oder sind deine Worte wie Ölfarbe, die Wochen braucht, um komplett zu trocken?

Wir hatten jetzt schon mehrmals, dass etwas „nur“ was getan werden musste, um ein Kunstwerk zu erschaffen. Die Leichtigkeit des „Nur“ erwächst aus deiner Übung und Erfahrung.


Deine Streu-Wort-Wiese

Oder du pflückst Worte wie Blumen. Das ist so ziemlich die bewegteste Art des Schreibens. Vielleicht entstehen so besonders gut Slogans, Claims, knackige Begriffe und Gedichte.

Beim Worte-Pflücken schaust du über die ganze Wiese, du sammelst, du springst herum, um nach und nach den Strauß zu vervollständigen. Du nutzt das, was dort wächst. Oder du suchst gezielt nach einer Farbe oder Blumenart. Oder du flechtest daraus Blumenkränze. Du kannst die Blüten und Blätter auch trocken und presst sie für zarte Pflanzenbilder.

Wie kommst DU eigentlich zu deinen Wörtern?

Ein kleiner Tipp: Gut zu- und hinhören ist da Pflicht. Auch bei deiner inneren Stimme. Viele Wortkünstler haben aus diesem Grund immer ein Notizbuch mit dabei. Dahinein schreiben Sie alle Ideen und Realitätsschnipsel, wo sie auch gehen oder stehen.


Bertholts Sicht auf das, was wirkt

Bertholt Brecht (dt. Dramatiker und Autor, 1898-1956) zum Beispiel hat sich sehr mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit beschäftigt. Er wollte mit Sehgewohnheiten brechen. Er wollte keine Abbildung der Realität schaffen, sondern den Blick dahinter lenken:

„Nur das Künstliche, die Kunst, gibt die Sicht auf die Wirklichkeit frei.“, wird er in dem biografischen Kunstfilm „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm” (2018) wiedergeben.

Brechts Opernpersiflage basiert übrigens auf der Beggar’s Opera („Bettleroper“). Sie wurde am 29. August 1728 im Londoner Lincoln’s Inn Fields Theatre uraufgeführt.

Fast genau 200 Jahre später kam es zur Uraufführung der Brechtschen Dreigroschenoper in Berlin.

Weiter sagte Brecht Realismus ist nicht, wie die wirklichen Dinge sind, sondern wie die Dinge wirklich sind.“ Dinge abbilden, um Wirklichkeit zu suggerieren. Also mit anderen Worten, dass es Kunst braucht, um die Wirklichkeit überhaupt abzubilden.

Wie jetzt? Also gehört die Wirklichkeit – das, was wirkt – das sind deine gut gefüllten Texte und Inhalte, enger mit Kunst zusammen als gedacht?

Danke, Bertholt, für diese Nähe! Sie tut nach der Trennung und Unterscheidung, der Vereinnahmung von Text durch jeden und alle, so richtig gut!

Denn wir Textende bauen Sätze wie Gebäude, Absätze wie Straßen, Kapitel wie Städte, Bücher wie Länder und eine Bibliothek wie die Welt. Wortplanung analog zur Stadtplanung.

Was hast du da gerade vor deinem inneren Auge gesehen?


Keinen Kopf für Rüstungen

Für deine richtigen Worte brauchst du nicht den Kopf. Sonst wird es „verkopft“ und kalt. Damit erreichst du keinen Menschen wirk-lich.

Bei verkopften Texten, Beiträgen oder Gesprächen spüren die Leser:innen die Rüstungen aus Wissen, Fachbegriffen, Sprachmustern um das Eigentliche herum. Aber sie können den Kern nicht durch die harte Schale erkennen, geschweige denn berühren. Und es ist nicht leicht, dabei soll es das aber sein. Für sie und für dich.

Vielleicht sind solche Text-Rüstungen leicht für Suchmaschinen, für ihre Algorithmen zu knacken. Oder sie werden zu als Checklisten getarnte Inhalte, die Leichtigkeit suggerieren. Sie werden zwar von Menschen abgehakt und in denkgerechten Portionen aufgenommen, aber ob sie sie wirk-lich erreichen? Werden die Teile des Wissens in deinen Texten miteinander verbunden?

Von Anfang an geht es immer um die Resonanz zwischen echten Menschen. Zwischen Inhalt und Mensch. Um Berührung. Egal wie viele Worte, Texte, Gespräche dazwischen liegen. Zwischen deinen Anliegen und denen deiner Kund:innen und Nutzer:innen deiner Texte.


Mitfühlen und Zuhören hat Zukunft

Resonanz entsteht immer durch das Aufnehmen und Mitfühlen von Inhalten. Das gehört auch zu einer gesunden (Kunden-)Beziehung.

Diese empathischen Qualitäten an sich könnten sogar zu einer Berufsbezeichnung führen und ein Beruf der Zukunft werden: Zuhörer/-in. In der Liste der Schweizer Handelszeitung tauchen noch ein paar illustre Zukunftsberufe auf. Diese Schweizer sind schon gut!


Vom Be- und Um-schreiben zum Füllen

Damit du freier und kreativer in Gespräche gehen, zuhören und Texte schreiben kannst, vergiss nicht, dass

  • du eingetretene Wortpfade verlassen kannst.
  • neue Wort-Goldadern zu entdecken sind.
  • die Inseln deiner ganz persönlichen Sprache betreten, erkundet, erschaffen oder mit anderen Sprachinseln verbunden werden wollen.

Natürlich schreibst du quasi „auf“ den Inhalten. Denn du übersetzt deine innere Regung in Worte. Du um-schreibst sie. Du legst ihnen einen Mantel an Worten um – statt einer Rüstung; hoffentlich. Ist dieser Umhang nun weich, wärmend und charismatisch? Würdest du gerne schauen, erspüren, was darunter ist?

Auch das Innere kannst du füllen... das ist vielleicht etwas für Fortgeschrittene. …Aber versuch's mal!

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Zeitleiste

01:09 Themenüberblick

02:42 Wortherkunft und -reflexion „Kunst, „Art“

04:17 Texten, so wie Automechaniker in den Garagen tüfteln

05:30 Schreiben ist keine Kunst! Das kann ich auch.

05:47 Auch Brotbacken ist eine Kunst

07:30 Schreiben so wie Michelangelo, Alexander Calder oder Kurt Schwitters Kunst machen

12:00 Schreibtechnik 1: Nur mit Worten malen

13:52 Schreibtechnik 2: Deine Streu-Wort-Wiese

15:39 Berthold Brecht, Kunst und Wirklichkeit, Sehgewohnheiten brechen

19:20 Schreibtechnik 3: Textrüstungen knacken

22:08 Es geht immer um die Resonanz, Zuhören als Beruf der Zukunft

23:50 Schreibtechnik 4: Ein charismatischer, wärmender Mantel für deine Inhalte

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1 Kommentar

  • Diesem Podcast zuzuhören ist ein Ohrenschmaus und macht mich neugierig auf mehr, auch auf eine Zusammenarbeit mit Dir mit den richtigen Farbtönen der Worte.

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